In den Texten über das Rauchen habe ich geschrieben, dass Menschen mit Suchterkrankungen häufig mit Verantwortung überladen werden. “Du hast angefangen. Du bist schuld. Also hör auf.” Als wäre damit irgendetwas gelöst.

(Rauchertexte sind unten verlinkt)

Bei Einsamkeit beobachte ich erstaunlich oft das Gegenteil. Hier werden Menschen häufig komplett aus der Verantwortung genommen. Die Gesellschaft ist schuld. Frauen sind schuld. Online-Dating ist schuld. Social Media ist schuld. Der Zeitgeist ist schuld. Alles ist schuld. Nur du nicht. Beides halte ich für wenig hilfreich.

Denn beides nimmt Menschen Handlungsmöglichkeiten. Einmal dadurch, dass man ihnen die komplette Schuld auflädt, natürlich auch für jedes Scheitern am Problem. Das andere Mal dadurch, dass man ihnen erzählt, sie könnten ohnehin nichts verändern.

Deshalb möchte ich auch bei Einsamkeit mit derselben Frage anfangen wie beim Rauchen:

Ist die Frage nach Schuld überhaupt die Relevante?

Schuld und Ursache sind für mich zwei verschiedene Dinge. Ursachen können wichtig sein. Vielleicht bist du umgezogen. Vielleicht hast du Mobbing erlebt. Vielleicht hast du Angehörige verloren. Vielleicht hast du deinen Job verloren. Vielleicht sind Freundschaften auseinandergegangen. Vielleicht haben psychische Probleme dazu geführt, dass du Kontakte verloren hast. Vielleicht spielen Social Media, Dating-Apps und die Gesellschaft allgemein tatsächlich eine Rolle. Vielleicht gibt es Verhaltensweisen von dir, die Menschen auf Abstand halten. Vielleicht fällt es dir schwer, Interesse an anderen zu zeigen, Nähe oder Konflikte auszuhalten. Vielleicht hundert andere Dinge.

Diese Aspekte können wichtig sein, weil sie helfen können zu verstehen, welche Hebel es überhaupt gibt. Aber die Schuldfrage beantwortet nicht, was heute Abend passiert. Heute Abend sitzt du allein zu Hause. Das ist das Problem. Und dieses Problem besteht unabhängig davon, wer daran schuld ist.
Leider ist das Leben manchmal furchtbar ungerecht. Die Menschen oder Umstände, die vielleicht Ursachen erzeugt haben, müssen sich oft nicht um die Folgen kümmern. Du schon. Nicht weil du schuld bist. Sondern weil du mit dem Problem lebst.

Bevor wir weitermachen: Bist du eigentlich betroffen?

Dieser Text ist nicht für Menschen, die einfach gerne allein sind. Alleinsein und Einsamkeit sind für mich nicht dasselbe. Ich brauche selbst regelmäßig viel Zeit allein. Viele Menschen brauchen das. Wenn du gerne allein bist und darunter nicht leidest, dann lass dir bitte von niemandem einreden, dass mit dir etwas nicht stimmt.
Der Rest des Textes ist nur für Menschen, die unter ihrer Einsamkeit leiden. Deshalb dieselben vier Fragen wie im Rauchertext.

1. Hast du überhaupt ein Problem?
Nicht: “Es wäre irgendwie schöner, wenn es anders wäre.”
Sondern ist die Einsamkeit etwas, das dich immer wieder piekst.
Etwas, das immer wieder auftaucht.
Etwas, das dich beschäftigt.

Wenn du hier ja sagst, dann lies bitte weiter.

2. Leidest du darunter?
Macht es dir Sorgen?
Lässt es dich schlecht schlafen?
Macht es dir Angst?
Erzeugt es Selbsthass?

Wenn du hier bei einer oder mehreren Fragen ja sagst, dann lies bitte weiter.

3. Bleibt das Problem wahrscheinlich bestehen, wenn du alles so weitermachst wie bisher?
Wenn die Antwort Nein ist, brauchst du vielleicht gar keinen Veränderungsplan.
Wenn die Antwort Ja ist, kommt die letzte Frage.

4. Stell dir vor, in einem Jahr ist alles noch genauso.
Du sitzt noch genauso allein zu Hause.
Du hast dieselbe Einsamkeit.
Findest du diese Vorstellung auszuhalten?
Wenn Ja, dann besteht kein Bedarf an Handlungen.

Wenn Nein, dann sollte meiner Meinung nach heute der Tag sein, an dem du anfängst.

Fang klein an
Nicht mit Partnersuche.
Such zuerst regelmäßige, aber lockere soziale Kontakte:
Geh vielleicht in eine Walking-Gruppe.
Such vielleicht eine Bastelgruppe.
Geh vielleicht in einen Verein.
Frag beim sozialpsychiatrischen Dienst nach Angeboten in deinem Landkreis.
Melde vielleicht dich bei Meet5 oder einer anderen Freizeitgruppe an.
Such vielleicht ein Forum zu deinem Hobby.
Such nach der Möglichkeit, die du ganz persönlich heute anfangen kannst umzusetzen.

Und ja:

Online-Kontakt ist auch Kontakt.
Wenn dir jeden Tag jemand auf deinen Beitrag antwortet, wenn du dieselben Menschen wiedererkennst, wenn ihr euch über ein gemeinsames Hobby austauscht, dann ist das bereits zwischenmenschlicher Kontakt. Nicht perfekt. Aber auch echt.

Eine Beziehung ist ein ziemlich komplexes zwischenmenschliches Projekt. Deshalb würde ich nicht dort anfangen. Stell dir vor, du warst früher richtig gut in einem Videospiel, CoD oder so. Dann hast du zehn Jahre kaum gespielt. Würdest du gleich E-Sports-Liga Qualität erwarten? Wahrscheinlich nicht.

Zwischenmenschliche Fähigkeiten funktionieren oft ähnlich. Man verlernt sie nicht vollständig. Aber vieles wird ungeübt. Gespräche anfangen. Zuhören. Reagieren. Mit unterschiedlichen Bedürfnissen umgehen. Nähe aushalten. Konflikte aushalten.
Das kann man üben.

Soziale Psychohygiene
Das mache ich selbst. Ich rede absichtlich mit Menschen, die ich wahrscheinlich nie wieder sehe.
An der Bushaltestelle.
Beim Bäcker.
An der Kasse.

Ich frage etwas. Ich sag was Freundliches. Ich sage irgendeine Kleinigkeit. Notfalls was zum Wetter. Nicht, weil daraus eine Freundschaft oder auch nur ein andauernder Kontakt entstehen muss. Sondern weil ich mit einem echten Menschen gesprochen habe. Das ist für mich Psychohygiene. Wenn ich lange alleine war, tut mir das gut. Und wenn das Gespräch holprig oder sogar peinlich läuft, ist nichts verloren. Wir sehen uns vermutlich nie wieder.

Zum Schluss

Nachdem hoffentlich die Schuldfrage vom Tisch ist, haben die vier Fragen etwas ziemlich Einfaches gezeigt. Du hast ein Problem. Du leidest darunter. Es wird wahrscheinlich bleiben, wenn nichts passiert. Dann fang heute an. Nicht groß. Nicht perfekt. Sondern genau den Schritt, den du heute schaffst zu gehen.

Das Leben ist ungerecht.

Fang heute an.

Niemand gibt dir deine Lebenszeit zurück.

Schuldfrage bei psychischen Problemen - Rauchen - Liebe Nichtraucher!

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